Monachtsandacht für Juni 2026
Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Geschwister!
Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn
auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! Hebr 13,3 (E)
Was ist die erste Reaktion, wenn wir Leid sehen? Instinktiv schauen wir weg. Zumindest
schaue ich, wenn sich im Fernsehen jemand geschnitten hat, meist erstmal gegen die Wand.
Zu sehr fühle ich am eigenen Leib den Schnitt. Auch wenn ich das Weltgeschehen in den
Nachrichten verfolge, dann nehme ich meist eine distanzierte Haltung ein. Sich nicht im
ganzen Leid zu verlieren, ist für viele heute ein valider Teil der mental health. Hebräer 13,3 fordert scheinbar das Gegenteil: Hinsehen! Mitfühlen! Nicht vor Leid zurückschrecken und
wegblicken! Wenn jemand im Gefängnis ist, dann nicht wegschauen, wenn jemand
misshandelt wird, bewusst mitfühlen. Dieser Vers solidarisiert sich mit den Leidenden.
Die Solidarisierung wird zum einen durch die eigene Verletzlichkeit als Ressource für
Empathie begründet: Du hast doch auch einen Körper, du kannst doch nachvollziehen wie
sich Verletzte fühlen! Das Denken an die Gefangenen bindet dann die Lesenden auf doppelte
Weise: Das griechische μιμνῄσκομαι (gr. für Denkt!) meint soviel, wie sich etwas vor Augen
zu führen und in Erinnerung zu rufen. Es bleibt aber nicht nur bei der ständigen
Vergegenwärtigung, sondern es soll an die Gefangen so gedacht werden, als sei man selbst
mitgefangen. Das Gefängnis ist eine totale Institution, es ist unmöglich zu vergessen, wenn
man im Gefängnis ist. Somit bindet der Vers im doppelten Sinne unseren Fokus auf die
Gefangenen. Sie dürfen nicht vergessen werden, wir sollen nicht wegschauen. weiter lesen