Monachtsandacht für September 2026
Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Geschwister!
Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind
(Kohelet/Prediger 4,6)
Im Vers davor heißt es: „Der Tor legt seine Hände zusammen und zehrt vom eigenen Fleisch“, soll
heißen: der Tor lebt vom Ererbten oder Ersparten, obwohl er arbeiten könnte, soll heißen: Faulheit ist
ein Zeichen von Anmaßung und Dummheit. Es könnte nun zwischen dem Vers 5 und dem Vers 6, also
unserem Monatsspruch, ein Doppelpunkt stehen, und dann wäre unser Vers das Lebensmotto aus dem
Munde des faulen Toren: „Genieße das Nichtarbeiten, Arbeit ist sowieso sinnlos.“ Als Ausspruch des
Toren wäre der Vers dann nicht etwa eine Lebensweisheit, sondern eine Lebenstorheit und damit
ungeeignet als Monatsspruch. Die meisten Exegeten weisen diese Deutung aus gutem Grund zurück. Es
steht dort ja nicht, dass man beide Hände ruhen lassen soll, sondern nur die eine. Gewarnt wird nicht
vor Arbeit, sondern davor, immer beide Hände voll Arbeit zu haben und nicht zur Ruhe zu kommen.
Wo Arbeit und Erwerb nicht mehr Mittel zum Zweck eines verantwortungsvollen und gottesfürchtigen
Lebens sind, sondern zum Selbstzweck werden, sind sie so sinnlos wie der Versuch, den Wind mit
bloßen Händen einzufangen. Also doch eine Lebensweisheit.
Das Buch Kohelet wird zusammen mit den Büchern Hiob und Sprüche und einigen Psalmen als
Weisheitsliteratur bezeichnet. Die Texte sind literarisch schön, aber ihr Wert für den Glaubenden ist
irgendwie begrenzt. Ich bin immer etwas enttäuscht, wenn ich in einem Bibeltext nichts als allgemeine
Lebensweisheiten entdecken kann. Mich sprechen meist auch diese Morgenandachten im Radio nicht
an, bei denen eine Pastorin oder ein Priester allgemeine Lebensweisheiten vorträgt, die zwar
einleuchtend und wahr, aber eben auch banal sind. Ich lese die Heilige Schrift nicht, um Dinge zu
erfahren, auf die man durch vernünftiges Nachdenken auch selbst kommen kann. Mich leitet vielmehr
die Erwartung, durch die Worte des alten heiligen Textes dem lebendigen Gott begegnen zu können, der
so nah ist und so schwer zu fassen. Als evangelisch geprägter Leser suche ich in der Bibel Evangelium,
nicht Weisheit. weiter lesen