Monatswort August – September 2019

Im Sommer vor genau 30 Jahren: Zwei ehemalige Theologiestudenten hatten gerade ihr Diplom der „Wilhelm-Pieck-Universität Rostock“ in der Tasche, als sie sich aufmachten in die große, weite Welt. Das heißt, weiter als bis nach Bulgarien an die griechische Grenze ging es ja nicht. Nach all dem Altgriechisch-Büffeln sollte sich ein Traum erfüllen: Wir haben das griechische Licht gesehen.

Politisch brodelte es im Osten: Glasnost in der Sowjetunion, Solidarnosc in Polen, Wahlfälschungsproteste in der DDR, kirchliche Umwelt- und Friedensgruppen. Aber niemand hätte gedacht, dass es schon bald ganz normal sein würde, auf Mallorca oder an einem anderen bislang unerreichbaren schönen Ort Urlaub zu machen. Nach Bulgarien waren wir damals geflogen. Zurück nahmen wir den Zug durch die wunderschönen Landschaften Rumäniens. Der Schlafwagenschaffner gab uns Verriegelungsketten, damit wir uns vor Überfällen schützen konnten. Kinder standen kilometerweit am Zug und bettelten. Hunger im sozialistischen Bruderland. Als wir in Budapest ankamen, erzählten uns die ungarischen Freunde, dass DDR-Bürger die bundesrepublikanische Botschaft besetzt hätten. Ein aufregendes Schauspiel auch für uns, aber kein Gedanke daran, es den andern gleichzutun und über Ungarn in den Westen zu gelangen. Das Jesus-Wort „Bleibet hier und wachet mit mir“ wollten wir ganz wörtlich verstanden wissen. Gott hat uns auf unsere jeweiligen Plätze gestellt, damit wir dort in seinem Sinne Gutes wirken sollten. Noch ehe wir bei den Demos „Wir sind das Volk“ riefen, hatten wir skandiert: „Wir bleiben hier!“ Und dann hat Gott kräftig mitgewirkt, denn bis heute kann niemand genau erklären, wie es eigentlich zugegangen ist, dass sich bald auf friedliche Weise die Grenzen öffneten. Niemand trauert den alten Zeiten des Eingesperrt seins nach. Nun können auch wir an unserem Traumziel Urlaub machen, falls wir genug gespart haben. Alles hoffentlich mit der gebührenden Dankbarkeit. Oder aber, wir entscheiden uns ganz in Freiheit: „Wir bleiben hier!“, denn schließlich kann man sich auch auf Balkonien wunderbar erholen oder im Fläming und in den Elbauen Gottes schöne Natur genießen. Eine gesegnete Urlaubs- und Sommerzeit wünscht Ihnen

Pfarrerin Swantje Adam

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